alpha-assets.de
Bericht · Immobilienmarkt

Die „Immobilienblase“ und die Aussagekraft von Prognosen

Analyse

„Die Immobilienblase platzt“ ist eine der langlebigsten Schlagzeilen des Marktes und eine der am schlechtesten belegten. Denn die gängigen Argumente stützen sich auf Kennzahlen-Vergleiche, deren Aussagekraft im Zeitverlauf zerfällt. Wer den Markt verstehen will, muss die Vergleiche selbst hinterfragen, statt ihren Ergebnissen zu vertrauen.

Das Vergleichsproblem

Der häufigste Beleg für eine angebliche Blase ist ein Vergleich: Das Verhältnis von Kaufpreis zu Miete oder zu Einkommen sei heute viel höher als in der Vergangenheit, also seien Immobilien überbewertet. Das klingt streng, ist aber methodisch schwach. Ein solcher Vergleich unterstellt, dass alle anderen Bedingungen gleich geblieben sind: Zinsniveau, Angebotsknappheit, Alternativrenditen, regulatorisches Umfeld. Das ist nie der Fall.

Kennzahlen sind Momentaufnahmen. Sie verlieren ihre Aussagekraft, sobald man sie aus dem Kontext löst, in dem sie entstanden sind. Ein hoher Vervielfältiger ist für sich genommen weder gut noch schlecht. Er ist erst dann interpretierbar, wenn man das Umfeld danebenlegt.

Das Gesamtangebot entscheidet

Eine Investitionsentscheidung fällt nie im luftleeren Raum, sondern immer relativ zu den Alternativen. Immobilien können absolut teuer erscheinen und trotzdem die rationale Wahl sein, wenn Anleihen, Aktien oder Liquidität im selben Moment noch weniger bieten. „Teuer“ ist ein Verhältnis zum gesamten Anlageuniversum.

Wer nur auf den Immobilienmarkt schaut und die Alternativen ignoriert, misst mit halbem Maßstab. Die Frage lautet: „Teuer im Vergleich wozu?“.

Der Leverage-Effekt

Ein fundamentaler Mechanismus wird in vielen Blasen-Argumenten übersehen: Liegen die Finanzierungszinsen unter der Mietrendite, arbeitet der Fremdkapitalhebel für den Investor. Der Ertrag auf das eingesetzte Eigenkapital steigt, obwohl (oder gerade weil) mit Kredit finanziert wird. Solange diese Konstellation besteht, bleiben Immobilien auch bei hohen Preisen rechnerisch attraktiv.

Die Kehrseite

Der Hebel wirkt in beide Richtungen. Kehrt sich das Verhältnis um (steigen die Zinsen über die Mietrendite), verkehrt sich der Effekt ins Gegenteil. Deshalb ist die Zins-Rendite-Differenz der wichtigste Frühindikator.

Prognosen als Kontraindikator

Prognosen beruhen auf einer stillen Annahme: dass sich bestehende Trends fortsetzen. Das tun sie selten. Je selbstsicherer eine Vorhersage auftritt, desto vollständiger ist der aktuelle Trend bereits eingepreist, und desto größer der Schaden, wenn er kippt. Der „schwarze Schwan“, das unvorhergesehene Ereignis, ist der Treiber fundamentaler Marktbewegungen, und er taucht in keiner Fortschreibung auf.

Für die Praxis heißt das: Eine Prognose ist bestenfalls eine Meinung mit Nachkommastellen. Belastbar ist nur die Analyse des Ist-Zustands: Angebot, Nachfrage, Finanzierungskosten, Alternativen.

Fazit

Wer Immobilien auf Basis von Prognosen kauft oder verkauft, baut auf Sand. Entscheidend sind die aktuellen Fundamentaldaten und ihr Zusammenspiel, nicht die Fortschreibung eines Trends. Eine datengetriebene Analyse des Ist-Zustands ist jeder Prognose überlegen, nicht, weil sie die Zukunft kennt, sondern weil sie ehrlich ist über das, was sie nicht wissen kann.

Belegt ein hohes Kaufpreis-Miete-Verhältnis eine Blase?

Nein, für sich genommen nicht. Der Vervielfältiger ist nur im Zusammenhang mit Zinsniveau, Angebotslage und Alternativrenditen interpretierbar. Isoliert betrachtet ist er kein Beleg für eine Überbewertung.

Warum sind Prognosen als Entscheidungsgrundlage riskant?

Weil sie bestehende Trends fortschreiben und unvorhergesehene Ereignisse per Definition nicht abbilden. Sie erzeugen Scheinsicherheit. Die Analyse des Ist-Zustands ist die belastbarere Grundlage.